IHK-Interview: „Die Killer-Applikation gibt es nicht!“

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(Zuerst erschienen im IHK-Magazin HESSISCHE WIRTSCHAFT | OKTOBER 2014)

Jeder zweite Deutsche besitzt ein Smartphone, der E-Book-Markt wächst rasant, der Apple App Store bietet unglaubliche 1,2 Millionen Apps. Keine Frage: Mobile ist der große Trend und führt zu neuen Impulsen in Medien- und Kreativbranchen. Da wundert es nicht, dass in diesem Bereich auch der Studiengang Media Management an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden stark vertreten ist – und auch am Medienstandort Unter den Eichen gegründete Unternehmen wie die redpeppix GmbH mit innovativen Apps von sich reden machen. Ein Interview mit Prof. Dr. Stephan Böhm (45), der jüngst die „Initiative Mobile Wiesbaden“ aus der Taufe gehoben hat.

Herr Prof. Böhm, wie viele Studierende sind aktuell in Ihrem Fachbereich?

Im Fachbereich Design Informatik Medien sind es über 1.800 Studierende, davon ins- gesamt knapp 500 in den Studiengängen Bachelor Media Management und Master Media & Design Management. Wir haben eine deutliche Übernachfrage. Auch im aktuellen Semester hatten wir im Bachelor wieder mehr als zehnmal so viele Bewerber wie Studienplätze. Viele werden angezogen von einer attraktiven Kombination aus Wirtschaft, Technik und Gestaltung.

Wo genau arbeiten Sie?

Ich decke das Thema Mobile Media und Telekommunikationstechnik ab. Unsere Stu- denten lernen allerdings nicht, wie man programmiert oder Hardware entwickelt, sondern wie Technologien in marktfähige Medienprodukte überführt werden und wie entsprechende Prozesse in der Medienproduktion funktionieren. Schwerpunkte sind bei uns audiovisuelle und interaktive Medien. Zu den interaktiven Medien gehört auch Mobile Media. Die Anwendungsorientierung unterscheidet uns hierbei deutlich von eher medienwissenschaftlich ausgerichteten Studiengängen wie sie beispielsweise an der Uni Mainz mit einer Verankerung in Journalistik oder Publizistik angeboten werden. Auch bei uns ist aber das Thema Mobile noch recht neu. Als ich 2006 an die Hochschule kam und meine Studenten fragte, ob sie sich vor- stellen können, mit dem Mobiltelefon regelmäßig in das Internet zu gehen, haben die meisten mit „Nein“ geantwortet. Mobiltelefone hatten damals noch wenig Bezug zu Medienprodukten. Mit dem iPhone und Mobile Apps ist dann aber der kreative Knoten für den Mobile-Trend geplatzt.

Was meint denn überhaupt „Mobile“?

Vereinfacht ist „Mobile“ für mich alles, was auf dem mobilen Endgerät unter Verwendung von Mobile Media-Technologien stattfindet. Es geht um eine besondere Form der interaktiven Mediennutzung und auch der Kommunikation. Und es geht darum, durch den Einsatz mobiler Technologien einen Mehrwert in einer mobilen Nutzungssituation also „unterwegs“ zu stiften. Wenn also jemand sein Tablet oder sein Smartphone auf der Couch verwendet, dann erfüllt er dieses zweite Kriterium nicht unbedingt, sondern verlagert eventuell nur seine Nutzung vom Desktop auf ein bequemer zu bedienendes Gerät.

Die Zahl der Anwendungsfelder scheint doch aber stetig zu wachsen, oder?

Das stimmt. Aber es gibt auch immer mehr Unsinn! Auf einer Tagung in Köln habe ich gerade erst erlebt, wie ein Anbieter es als Innovation verkaufen wollte, wenn ein Bä- cker seine eigene App erstellt und iBeacon-Sender installiert, damit der Kunde beim Betreten des Ladens ein spezielles Angebot auf sein Smartphone bekommt. Das geht völlig an den Realitäten und am Kunden vorbei. Der Bäcker sollte lieber seinen Laden hübsch dekorieren und gute Verkäufer einstellen. Technisch ist vieles machbar, die Frage ist nur: Bringt das etwas in ökonomischer Sicht? Und: Ist aus Kundensicht eine spürbarer Mehrwert erkennbar, der es erwarten lässt, dass Anwendungen nicht nur installiert, sondern auch dauerhaft verwendet werden? Andererseits: Als das Telefon eingeführt worden ist, haben sich viele sicher auch gefragt „Wofür brauche ich das?“ Kaum jemand sah zunächst den Bedarf. Der Markt hat sich erst mit Verfügbarkeit dieser Technologie entwickelt, auch durch die inzwischen veränderte Mobilität und Verhaltensweisen. Aber nicht jeder neuen Technologie gelingt es, sich einen Markt zu schaffen.

Gibt es im bereich Mobile gerade eine große Entwicklung?

Jedes Jahr wird aufs Neue „The Next Big Thing“ ausgerufen und eine neue Technologie zum Trend erklärt. Ich bin seit 1996 im Bereich der Mobilen Lösungen unterwegs. Seitdem wird „die“ Killer-Applikation gesucht. Die gibt es aber nicht.

Wobei das iPhone im nachhinein doch schon so ein Killer-Ding gewesen ist, oder?

Nein, es war kein „Killer“. Apple hat sich vielmehr von der Technologie gelöst und den Kunden und die Benutzerfreundlichkeit in den Mittelpunkt gestellt. Auch Wearables, also vernetzte, intelligente Alltagsgegenstände wie die „Apple Watch“ oder „Google Glass“ sind keine Killer-Applikationen, auch wenn sie eine neue Entwicklungsstufe mo- biler Endgeräte einläuten. Es ist ungewohnt, mit seiner Brille zu sprechen. Sie möchten nicht im Restaurant sitzen und mit ihrer Brille kämpfen, weil die sie nicht versteht. Trotzdem ist die Akzeptanz solcher Innovation noch offen und macht Änderungen im Nutzerverhalten erforderlich. Was aber meiner Meinung nach wirklich den Markt verändern wird ist die Kontextualität neuer Anwendungen. Bereits in den heutigen Endgeräten sitzen viele Sensoren, die Menschen beim Umgang mit Informationstechnik entlasten können. Ziel ist es, mit diesen Sensoren den aktuellen Nutzungskontext zu erfassen und Nutzern diesbezüglich relevante Funktionen und In- halte bereitzustellen. Ein konkretes Beispiel: Sie nähern sich Ihrer Wohnung, was das Gerät registriert, und Ihre Heizung zuhause erhöht automatisch die Raumtemperatur. Das klingt unspektakulär, es ist nicht der „Boom Bang“ im Marketingsinne, aber ich glaube es kann, wenn die geeigneten Schnittstellen vorhanden sind, erhebliche Einsparungen generieren und ein neues Nutzungserlebnis bescheren. Es geht also darum, systematisch Lösungen für Nutzerprobleme zu suchen und nicht auf neue technische „Killer-Anwendungen“ zu spekulieren, in der Hoffnung, dass diese dann alle bisherigen Lösungen obsolet werden lassen und einige Unternehmen reich machen. Darauf sollte sich die Branche stärker konzentrieren.

Bezwecken Sie das auch mit der von Ihnen gegründeten „Initiative Mobile Wiesbaden“?

Der Standort Wiesbaden hat aus meiner Sicht großes Potenzial, das Thema Mobile innovativ voranzutreiben. Hochschulen und Unternehmen bieten zusammen ein hohes Maß an Kreativität und Problemlösungs-kompetenz. In der Außenwahrnehmung hinken wir jedoch hinterher. Wir möchten mit unserer Initiative die Standortattraktivität schärfen und ein Netzwerk für diejenigen schaffen, die sich mit dem Thema Mobile intensiv beschäftigen. Das können kleine, darauf spezialisierte Unternehmen sein, aber auch einzelne Mitarbeiter aus großen Betrieben völlig anderer Branchen.

Was muss man tun, um in dem Kreis aufgenommen zu werden?

Die Initiative steht grundsätzlich allen „Mobile-Begeisterten“ offen, die mit uns das Thema in der Region vorantreiben wollen. Zu Koordination der Aktivitäten hat sich schon ein kompetentes Kernteam zusammenge- funden. Unser Ziel ist es, Begegnungs- und Kompetenzplattformen zu schaffen und offene Meetings an Firmenstandorten anzubieten, bei denen wir aktuelle Themen und Herausforderungen diskutieren. Dafür suchen wir Menschen, die sich aktiv einbringen wollen. Interessierte können sich einfach bei uns melden und der XING-Gruppe „Mobile Wiesbaden“ beitreten. Für Impulse und Ideen sind wir natürlich auch immer dankbar. Wenn also jemand eine spannende Gründungsidee im Bereich Mobile hat, ist jetzt der ideale Zeitpunkt, dazu zu kommen und sich mit uns zu vernetzen.

Gibt es auch übergeordnete Ziele?

Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit wollen wir das Thema Mobile am Standort Wiesba- den in den Fokus rücken und ein breites Publikum sowie die Fachcommunity über „Mobile Made in Wiesbaden“ informieren. Auch denken wir darüber nach, Leistungen aus dem Bereich Mobile mit einem Preis zu würdigen. Gründer in diesem Bereich sollen Unterstützung über uns finden, indem wir die Kontakte zur IHK mit ihrem großen Portfolio und zur Wirtschaftsförderung herstellen. Im Bereich Mobile können junge Gründer noch wirklich etwas bewegen, da die Entwicklungs- und Konzeptionskosten nicht so hoch sind wie in vielen anderen IT-Branchen und die Nachfrage nach guten Anwendungen weiter wächst.

Wie entwickelt sich Mobile in den nächsten 10 Jahren? Tragen wir alle eine Daten-Brille und eine Computer-Uhr, die unsere Körperfunktionen überprüft? Mutieren wir also immer mehr zu Cyborgs?

Ich glaube, dass die Entwicklung deutlich stärker im Hintergrund ablaufen wird. Die unmerkliche Vernetzung von verschiedenen Alltagsgegenständen wird sich deutlich unaufgeregter manifestieren als man das heute absieht. Als man in den 60er Jahren gefragt hat: „Was passiert 2010?“ haben die Leute gedacht „Wir fliegen zum Mars und leben auf dem Mond und fliegen mit Autos durch die Gegend“. Aber das alles ist nicht eingetreten. Die eigentliche Revolution hat still und heimlich in der IT stattgefunden. So etwas wie Google hat damals niemand vorhergesehen. Mein Sohn ist jetzt 6, der wird sich in ein paar Jahren wahrscheinlich nicht mehr mit Netztechnologien wie UMTS, HSDPA und LTE auseinandersetzen, sondern die Dinge werden einfach funktionieren – zum Nutzen der Menschen und unter Wahrung einer Privatsphäre. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Initiative Mobile Wiesbaden: Das Kernteam der neu gegründeten Initiative besteht neben Prof. Dr. Stephan Böhm von der Hochschule RheinMain aus Vertretern der Unternehmen CSC und redpeppix, der IHK Wiesbaden und der Wirtschaftsförderung Wiesbaden. Die Initiative sieht sich als Netzwerk für Gründer, Entscheider und Visionäre in der Mobile-Branche.

Interview: Gordon Bonnet, IHK Wiesbaden; Foto: Andreas Schlote

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